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Es gibt nur wenige Orte auf der Erde, wo es auf die Fragen der Menschen zum Leben Antworten aus der Ewigkeit gibt
Hat es je einen Menschen gegeben, der nicht in einer stillen Stunde in sich gegangen ist und über die erhabenen Geheimnisse des Lebens nachgesonnen hat? Wer hat sich noch nie gefragt: „Woher komme ich? Warum hin ich hier? Wohin gehe ich? Wie sieht meine Beziehung zu meinem Schöpfer aus? Wird mir der Tod die Beziehungen, die mir am Herzen liegen, rauben? Was ist mit meiner Frau und meinen Kindern? Wird es nach diesem noch ein Leben geben, und wenn ja, werden wir einander dort kennen?”
Die Antworten auf diese Fragen sind nicht in menschlicher Weisheit zu finden, sondern nur im offenbarten Wort Gottes. Die Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind heilige Bauwerke, in denen diese und andere die Ewigkeit betreffende Fragen beantwortet werden. Jeder Tempel ist dem Herrn als sein Haus geweiht, als Ort der Heiligkeit und des Friedens außerhalb der Welt. Dort werden Wahrheiten gelehrt und heilige Handlungen vollzogen, die Erkenntnis von Ewigem mit sich bringen und den Beteiligten motivieren, sich als Kind Gottes mit einem göttlichen Erbe zu sehen und sich seiner Möglichkeiten als ewiges Wesen bewußt zu sein und dementsprechend zu leben.
Diese Gebäude, die anders sind als die Tausende von Gemeindehäusern der Kirche, die über die ganze Erde verstreut sind, unterscheiden sich in ihrer Funktion und ihrem Zweck von allen anderen religiösen Bauwerken. Das liegt nicht an ihrer Größe oder an ihrer architektonischen Schönheit, sondern an der Arbeit, die innerhalb ihrer Mauern verrichtet wird.
Es ist nichts Neues, daß es für heilige Handlungen bestimmte Gebäude gibt, die sich von anderen Anbetungsstätten unterscheiden. Das hat es auch bei den Israeliten gegeben, wo die Menschen regelmäßig in der Synagoge anbeteten. Ihre heiligere Stätte war zunächst das Offenbarungszelt in der Wildnis mit dem Allerheiligsten; dann hatten die Israeliten nacheinander mehrere Tempel, in denen besondere heilige Handlungen vollzogen wurden, an denen nur diejenigen teilnehmen konnten, die die entsprechenden Bedingungen erfüllten.
Genauso ist es heute. Bevor ein Tempel geweiht wird, lädt die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die Öffentlichkeit ein, das Gebäude mit den verschiedenen Einrichtungen zu besichtigen. Aber mit der Weihung wird es zum Haus des Herrn und so heilig, daß nur ein Mitglied der Kirche in gutem Stand es betreten darf. Das ist keine Frage der Heimlichkeit, sondern der Heiligkeit.
Die Familie Gottes
Die Arbeit, die in diesen Gebäuden verrichtet wird, stellt Gottes ewige Absichten in bezug auf den Menschen dar, der Gottes Kind und Geschöpf ist. Zum größten Teil geht es bei der Tempelarbeit um die Familie – jeder von uns gehört zu Gottes ewiger Familie und zu einer irdischen Familie. Es geht um die Heiligkeit und den ewigen Bestand des Ehebundes und der Familie.
Es wird dort bekräftigt, daß jeder Mensch, der zur Welt kommt, ein Kind Gottes ist und etwas von seinem Wesen in sich trägt. Die Wiederholung dieser grundlegenden Lehren hat eine fruchtbringende Wirkung auf die Beteiligten, denn die Lehre wird in schöner und eindrucksvoller Sprache dargelegt, und man wird sich dessen bewußt, daß jeder Mensch – als Kind des himmlischen Vaters – der göttlichen Familie angehört und wir somit alle Brüder und Schwestern sind.
Auf die Frage des Schriftgelehrten „Welches Gebot ist das erste von allen?” antwortete der Herr: „Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.” (Markus 12:28,30,31.)
Die Lehren, die in den heutigen Tempeln dargelegt werden, verleihen dieser grundlegenden Vorstellung von der Pflicht des Menschen gegenüber seinem Schöpfer und seinem Bruder großen Nachdruck. Die heiligen Handlungen vertiefen die erhebende Vorstellung von der Gottesfamilie. Sie lehren, daß der Geist, der einem jeden von uns innewohnt, ewig ist, im Gegensatz zum Körper, der ja sterblich ist. Sie vermitteln nicht nur einen Einblick in diese erhabenen Wahrheiten, sondern sie motivieren den Beteiligten auch, Gott zu lieben, und s****en ihn an, den übrigen Kindern unseres Vaters größere Nächstenliebe zu erweisen.
Wenn wir die Vorstellung akzeptieren, daß der Mensch ein Kind Gottes ist, erkennen wir auch, daß die Sterblichkeit einem gottgegebenen Zweck dient. Auch dazu wird im Haus des Herrn offenbarte Wahrheit gelehrt. Das Erdenleben ist Teil einer ewigen Reise. Wir haben, ehe wir hierhergekommen sind, als Geistkinder gelebt. Die heiligen Schriften geben davon Zeugnis, zum Beispiel dieses Wort des Herrn an Jeremia: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.” (Jeremia 1:5.)
Wir sind als Kinder sterblicher Eltern und als Mitglieder einer Familie in dieses Leben eingetreten. Eltern sind Gottes Partner und helfen ihm, seine ewigen Absichten in bezug auf seine Kinder zu verwirklichen. Die Familie ist also eine gottgegebene Institution – die wichtigste in der Sterblichkeit und in der Ewigkeit.
Eine Familie für die Ewigkeit
Bei einem Großteil der Arbeit, die im Tempel verrichtet wird, geht es um die Familie. Um zu verstehen, was sie bedeutet, müssen wir uns dessen bewußt sein: So wie wir vor unserem irdischen Dasein als Kinder Gottes gelebt haben, so werden wir auch nach dem Tod weiterleben; die kostbaren, beglückenden Beziehungen der Sterblichkeit, deren schönste und bedeutsamste wir in der Familie finden, können in der zukünftigen Welt bestehen bleiben.
Die Ehepartner, die zum Haus des Herrn kommen und an dessen Segnungen teilhaben, werden nicht nur für die Sterblichkeit miteinander verbunden, sondern für alle Ewigkeit, und zwar nicht nur mit der gesetzmäßigen Vollmacht des Landes, in dem sie heiraten, die sie nur so lange verbindet, bis der Tod sie scheidet, sondern auch kraft des ewigen Priestertums Gottes, das im Himmel bindet, was auf Erden gebunden wird.
Ein Ehepaar, das auf diese Weise heiratet, hat die Gewißheit, daß die Ehe und die Beziehung zu den Kindern mit dem Tod nicht enden, sondern in Ewigkeit weiterbestehen, vorausgesetzt, sie leben so, daß sie dieser Segnung würdig sind.
Hat es je einen Mann gegeben, der seine Frau von Herzen geliebt hat, oder eine Frau, die ihren Mann von Herzen geliebt hat, die nicht darum gebetet haben, ihre Beziehung möge über das Grab hinaus Bestand haben? Ist je ein Kind zu Grabe getragen worden, ohne daß die Eltern sich nach der Gewißheit sehnten, es möge in der zukünftigen Welt wieder ihnen gehören? Kann jemand, der an das ewige Leben glaubt, daran zweifeln, daß der Gott des Himmels seinen Söhnen und Töchtern diese kostbarste Eigenschaft des Lebens gewährt, nämlich die Liebe, die in der Familie ihren bedeutsamsten Ausdruck findet? Nein, die Vernunft fordert, daß die Familie auch nach dem Tod noch Bestand hat. Das Menschenherz sehnt sich danach, und der Gott des Himmels hat offenbart, wie wir das sicher erlangen können, nämlich durch die heiligen Handlungen im Haus des Herrn.
Dieser Weg steht allen Menschen offen
All das wäre aber wohl ungerecht, wenn die mit diesen heiligen Handlungen verbundenen Segnungen nur denen offenständen, die jetzt der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angehören. Es ist vielmehr so, daß jeder, der das Evangelium annimmt und durch die Taufe Mitglied der Kirche wird, in den Tempel gehen und an dessen Segnungen teilhaben kann. Deshalb unterhält die Kirche in einem großen Teil der Welt ein ausgedehntes Missionsprogramm, das sie noch weiter ausdehnen wird, so gut es geht, denn sie hat von Gott den Auftrag erhalten, „jeder Nation, jedem Geschlecht, jeder Sprache und jedem Volk” das Evangelium zu übermitteln (siehe LuB 77:8).
Es gibt aber noch Abermillionen, die auf der Erde gelebt haben und niemals die Möglichkeit hatten, vom Evangelium zu hören. Bleiben ihnen die Segnungen, die im Tempel des Herrn zu finden sind, vorenthalten?
Durch lebende Stellvertreter, die für die Toten handeln, werden denjenigen, die die Sterblichkeit bereits verlassen haben, dieselben heiligen Handlungen ermöglicht. Denen, die sich in der Geisterwelt befinden, steht es frei, die irdischen heiligen Handlungen, die für sie vollzogen worden sind, einschließlich der Taufe, der Ehesiegelung und der Siegelung von Kindern an die Eltern, anzunehmen oder abzulehnen. Es gibt im Werk des Herrn keinen Zwang, aber Möglichkeiten müssen bestehen.
Diese stellvertretende Arbeit stellt ein nie dagewesenes Liebeswerk der Lebenden für die Toten dar. Dazu müssen umfangreiche genealogische Forschungen unternommen werden, damit diejenigen, die uns vorangegangen sind, ermittelt werden. Um bei dieser Forschung behilflich zu sein, koordiniert die Kirche ein genealogisches Programm und unterhält Forschungseinrichtungen, die in der Welt ihresgleichen suchen. Ihre Archive stehen auch der Öffentlichkeit zur Verfügung und viele Menschen, die keine Mitglieder der Kirche sind, nutzen sie, um nach ihren Vorfahren zu suchen. Das Programm wird von Genealogen in aller Welt gelobt, und verschiedene Länder nutzen es, um ihre Aufzeichnungen zu sichern. Aber in erster Linie dient es dazu, den Mitgliedern der Kirche die Hilfsmittel an die Hand zu geben, die sie brauchen, um ihre Vorfahren zu ermitteln, damit sie ihnen die Segnungen ermöglichen können, die sie selbst haben. Sie sagen sich praktisch: „Wenn ich meine Frau und meine Kinder so sehr liebe, daß ich sie für alle Ewigkeit um mich haben möchte, dann müssen mein verstorbener Großvater und Urgroßvater und andere Vorfahren auch die Möglichkeit erhalten, diese ewigen Segnungen zu erlangen.”
Heiliges Haus, Ort der Verheißung
Und so herrscht in diesen heiligen Gebäuden eine rege Geschäftigkeit, die aber mit großer Ehrfurcht verbunden ist. Das erinnert an die Vision von Johannes dem Offenbarer, wo die folgende Frage und Antwort zu finden sind: ,Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? .. .
Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.
Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm beiTag und Nacht in seinem Tempel." (Offenbarung 7:13-15.)
Wer in dieses heilige Haus kommt, ist in Weiß gekleidet, wenn er dort seine Arbeit verrichtet. Er kommt nur auf Empfehlung seiner örtlichen Kirchenführer und mit der Bestätigung, daß er würdig ist. Es wird erwartet, daß er im Denken rein ist, daß er körperlich rein ist, daß er in der Kleidung rein ist, wenn er den Tempel Gottes betritt. Es wird von ihm erwartet, daß er mit dem Betreten des Tempels die Welt hinter sich läßt und sich auf göttliche Belange konzentriert.
Diese Arbeit trägt ihren Lohn in sich, denn wer würde in unserer Zeit voller Streß nicht die Möglichkeit begrüßen, die Welt auszuschließen und das Haus des Herrn zu betreten, um dort still über die Ewigkeit und Gott nachzudenken? Diese heilige Umgebung schafft die Möglichkeit – die nirgendwo sonst zu finden ist –, sich intensiv mit dem zu befassen, was im Leben wirklich wichtig ist, nämlich mit der Beziehung zu Gott und mit unserer ewigen Reise aus dem vorirdischen Dasein in dieses Leben und in das zukünftige Dasein, wo wir einander kennen und zusammensein werden – mit unseren Angehörigen und unseren Vorfahren, die uns vorangegangen sind und deren Erbe bezüglich Körper, Sinn und Geist wir übernommen haben.
Ein Tempel ist wirklich ein einzigartiges Bauwerk. Er ist ein Haus der Unterweisung, ein Ort der Bündnisse und Verheißungen. Wir knien dort am Altar vor Gott, unserem Schöpfer, und es werden uns seine immerwährenden Segnungen verheißen. An diesem heiligen Ort treten wir mit ihm in Verbindung und sinnen nach über seinen Sohn, unseren Erretter und Erlöser, den Herrn Jesus Christus, der für jeden von uns sein stellvertretendes Opfer dargebracht hat. Hier legen wir unseren Egoismus ab und dienen denen, die sich nicht selbst helfen können. Hier werden wir, kraft der wahren Priestertumsvollmacht von Gott, in den heiligsten aller menschlichen Beziehungen verbunden – als Mann und Frau, als Kinder und Eltern, als Familie – durch eine Siegelung, die die Zeit nicht zerstört und der Tod nicht aufhebt.
Diese heiligen Bauwerke wurden auch in jenen finsteren Jahren errichtet, als die Heiligen der Letzten Tage erbarmungslos vertrieben und verfolgt wurden. Sie werden in Zeiten der Armut und in Zeiten des Wohlstands gebaut und unterhalten. Sie gründen sich auf den lebendigen Glauben der ständig wachsenden Zahl derer, die Zeugnis geben vom lebendigen Gott, vom auferstandenen Herrn, von Propheten und von göttlicher Offenbarung und von dem inneren Frieden und der Gewißheit der ewigen Segnungen, die nur im Haus des Herrn zu finden sind.
Präsident Gordon B. Hinckley, Juni 1992
09:18 - 2008-May-22
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